Nach dem Lesen von This is the real life und Raidgilde ist ein Hobby – wie ein Fussballverein habe ich mir überlegt, wie es bei mir läuft.
Sicherlich habe ich zumindest unter den mir bekannten Leuten eine Sonderspielweise entwickelt: Ein Zwang gibt es praktisch nicht, manchmal habe ich Lust, komme on, weiß nicht, was ich nach dem Ausfall des PvP anstellen soll und bin blitzschnell wieder off. Das Ganze hat eine unglaubliche Belanglosigkeit gefördert – sich mal treiben lassen ist ganz nett, wenn die Ziele ausgegangen sind, führt es zur Lustlosigkeit; vielleicht sollte ich meine anfängliche Freude über Erfolge wieder entdecken (wobei ein ständiges Gefühl des Scheiterns, Stichwort Phoenixkücken und der damit zusammenhängende Haustiererfolg oder *Für die Allianz!* mich eher deprimiert als alles andere zurücklassen).
Ich muß also – um zum eigentlichen Thema zu kommen – in keiner Form zu irgendwelchen Raidzeiten on sein. Und trotzdem schleicht sich bei mir jeden Abend ein schlechtes Gewissen ein, dass man eigentlich on sein sollte, um gemeinsame Tages-Quests zu absolvieren (wobei das die Abende sind, an denen ich selbst für meine Begriffe ausgesprochen komisch werden kann, wenn ich dann on komme). Insofern ergibt sich bei mir eine Umkehrung des Problems:
„
Sorry, RL geht vor“ ist zu der ultimativen Totschlagbegründung geworden. Wer kann und will da schon gegen argumentieren? Schließlich müsste man sich dann auf eine Diskussion einlassen, die man letzten Endes nur verlieren kann. Bei der allgemeinen gesellschaftlichen Atmosphäre, in der Computerspieler gerne mal irgendwo zwischen potentiellen Amokläufern oder Drogensüchtigen einsortiert werden, dürfte es nicht eben einfach sein, eine konstruktive Diskussion über Prioritäten in unseren Hobbys zu führen. Dabei ist auch dies einigermaßen skurril. Wenn jemand einem Freund absagen muss mit der Begründung, dass sich da die wöchentliche Skatrunde trifft, dürfe niemand auf die Idee kommen, diesen Termin grundsätzlich in Frage zu stellen. Ihr könnt euch ja mal den Spaß gönnen und in einem „Nicht-Geek“-Umfeld als Absagegrund „Tut mir leid, da hab ich Raidabend“ angeben. Ihr solltet aber ein nicht geringes Maß an Leidensfähigkeit mitbringen.
Ich habe den Unterschied zwischen VL und RL nie gemacht und mache ihn noch heute nicht, das mag daran liegen, dass ich das mache wozu ich Lust habe. Zwar sehe ich grundsätzlich ein, dass es besser ist, meine Studienunterlagen durchzuarbeiten als WoW zu spielen, aber ein tagesfüllendes Programm ist das nicht. Wenn ich feste Termine habe, egal wo nehme ich sie wahr – wer zuerst mahlt, mahlt zuerst, wobei ich in einem ausgesprochen toleranten Umfeld lebe, sogar meine Eltern haben es akzeptiert entsprechend verlegt zu werden, weil gerade ein fester Raid anstand, ich platze dementsprechend nicht in die Bridge-Termine meiner Mutter.
Ich denke ein Teil dieser Probleme könnte sich verringern, wenn mehr Leute verinnerlichen würden, dass die Zeit, die sie in Onlinespielen verbringen genauso real ist, wie die Zeit, die sie beim Kniffeln, im Taubenzüchterverein oder Kegelclub verbringen. Und das deshalb jeder Spieler denselben Respekt verdient hat, den auch all diejenigen verdient haben, mit denen man bei derartigen Gelegenheiten interagieren würde. Welcome to the real life.
Ich würde sogar noch weiter gehen und behaupten, dass traditionelle Unterhaltungsmethoden weniger bringen als Computerspiele (auch wenn sich meine Überlegungen mehr auf Adventures bezogen habe). Ich bin der Ansicht, dass sie mehr fürs Gehirn bringen als das hochgelobte Buch.
Wenn es nicht real ist, dann muss ich ja auch nicht all die Regeln beachten, die man normalerweise in der Interaktion mit den Mitmenschen erwartet. Streit und Verletzungen in virtuellen Welten entstehen oft deshalb, weil irgendwer die fundamentalen Grundlagen von Höflichkeit, Respekt und sozialem Umgang miteinander mit einem Achelzucken beiseite wischt. Schließlich ist es ja „nur ein Spiel“. Da ist es dann auch OK, sich kommentarlos nicht an Absprachen und Termine zu halten, gewachsene Freundschaften und Loyalitäten mit einem Handstreich beiseite zu fegen oder andere Menschen aufs Übelste zu verletzen.
Es gibt den schönen Spruch, dass man einem Menschen Macht geben sollte, um ihn kennenzulernen. Online-Spiele sind noch besser geeignet, weil die Spieler ohne *RL* – Ansehensverlust wirklich sie selbst sein können – bei dem Experiment kann man allerdings leicht zum Menschenfeind werden.
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Hallo,
—Das Ganze hat eine unglaubliche Belanglosigkeit gefördert – sich mal treiben lassen ist ganz nett, wenn die Ziele ausgegangen sind, führt es zur Lustlosigkeit;
Oh ich hab noch jede Menge Ziele in WoW und unglaublichen Spaß, dennoch ist meine Spielweise so wie die deine im Moment:
—Sicherlich habe ich zumindest unter den mir bekannten Leuten eine Sonderspielweise entwickelt: Ein Zwang gibt es praktisch nicht
So sollte es sein, obwohl, vergleicht man mal ein RL-Hobby mit WoW:
Wenn Raidzeiten sind muss der Gildenmember on sein!
Diese Aussage trifft auch beim Fußballer zu, 100%. Denn wer ebenfalls ernsthaft sein Fußballhobby betreibt muss zum Training und pünktlich zum Spiel da sein, ist also auch ein 100%-Zwang. Was auch nicht schlimm ist solange es Spaß macht ist es ok.
Ich sehe WoW auch nicht als ein Grund an der Vereinsamung an, wie oft gehört. Wenn man in festen Gruppen mit Freunden online spielt ist es doch schön, ich kenne das man chattet viel mehr als man questet, grad wenn man sich gut versteht und eine weite Entfernung voneinander hat.
—Ich würde sogar noch weiter gehen und behaupten, dass traditionelle Unterhaltungsmethoden weniger bringen als Computerspiele (auch wenn sich meine Überlegungen mehr auf Adventures bezogen habe). Ich bin der Ansicht, dass sie mehr fürs Gehirn bringen als das hochgelobte Buch.
Verstehe was du meinst, aber:
Wichtiger sind die überlegungen die man zu dem Buch oder ein Spiel anstellt, die weiter führen als nur das Buch/Spiel selbst, bsp. gibts genügend wie Bücher über Antike oder von Däniken, man kann beliebig alles ausweiten, sich in Foren austauschen ect. je nachdem was man möchte.
Will man nur abschalten und nen Schnulzenroman lesen, auch gut…
—Wenn jemand einem Freund absagen muss mit der Begründung, dass sich da die wöchentliche Skatrunde trifft, dürfe niemand auf die Idee kommen, diesen Termin grundsätzlich in Frage zu stellen. Ihr könnt euch ja mal den Spaß gönnen und in einem „Nicht-Geek”-Umfeld als Absagegrund „Tut mir leid, da hab ich Raidabend” angeben. Ihr solltet aber ein nicht geringes Maß an Leidensfähigkeit mitbringen.
100%
Damals als meine Gilde noch intakt war, war der Freitag Gildentag, da hab ich 10h am Stück gedaddelt (nicht immer) da zählte nur WoW, außer es war was wichtigeres in RL z.B. Geb. oder so, aber Termine hab ich nie auf einen Fr gelegt, wenn ich die Wahl hatte. Hat geklappt, 6 andere Tage die Woche war RL vorrangig.
—Ich habe den Unterschied zwischen VL und RL nie gemacht und mache ihn noch heute nicht, das mag daran liegen, dass ich das mache wozu ich Lust habe. Zwar sehe ich grundsätzlich ein, dass es besser ist, meine Studienunterlagen durchzuarbeiten als WoW zu spielen, aber ein tagesfüllendes Programm ist das nicht.
Alles unwichtig wenn man Familie und Kinder hat!
Grüße Aies
Ich bin alles andere als überehrgeizig, aber ich habe gewisse Sachen definiert, die ich gerne hätte wie zB. das Kücken oder den schwarzen Kriegsbären und immer wieder scheitere, dann resigniere ich irgendwann. Man muß wirklich an den Anfang von von TBC zurückgehen, um ein größere Erfolgserlebnisse ranzukommen – dafür habe ich ziemlich zäh durchgehalten.
Goldmäßig komme ich auch auf keinen grünen Zweig und wenn ich mir dann auch noch von anderen Leuten / Klassen noch anhören kann, wie toll doch alles ist, bekomme ich irgendwann eine mittelschwere Krise.
Bücher sind das überschätzeste Kulturgut überhaupt. Ich gehe einmal von mir bzw. dem Büchereulen-Forum aus: Was da gelesen ist in der Regel Schnulzen, Krimis, Thriller – die wenigsten lesen in ihrer Freizeit James Joyce
. In jedem Adventure muß ich mehr nachdenken, bei Shootern trainiert man immerhin noch die Hand-Auge Koordination.
Genauso habe ich das auch immer gehandhabt: Es gab Tage, die waren für WoW reserviert und es gab Tage, da war RL gleichberechtigt. Wobei ich die Unterscheidung in RL und VL nach wie vor unsinnig finde, da ich in beiden Fällen aktiv etwas tue.
Moin Nomadenseele,
du hast da zwei oder drei Punkt wirklich im Kern des Pudels erfasst. Ein toller Beitrag, und ich stimme dir in vielen Punkten zu.
Mit herzlichem Gruss,
Abelard
Freut mich zu sehen, dass mein Beitrag zum Weiterdenken angeregt hat. Ich schleppte diesen Artikel fast ein Jahr lang mit mir herum und war mir immer sehr unsicher, ob Leute verstehen/nachvollziehen können, was mir da so durch den Schädel gegangen ist. Dass das Ganze auf eine so breite „Reaktionsfront“ gestoßen ist, hat mich sehr gefreut.