Was habe ich mich schon über den Satz „Real Life geht vor“ aufgeregt. Zum Glück hat sich das aber in den letzten ein bis zwei Jahren massiv verändert, ich habe diesen Satz sehr lange nicht mehr gehört und bin froh drum. Es scheint sich nämlich rumgesprochen zu haben, dass man bei WoW im Gruppenspiel eben nicht mit Bytes und Pixeln zusammenspielt, sondern mit echten Menschen. Und auf diese echten Menschen soll man genauso viel Rücksicht nehmen wie auf den echten Menschen, der bei einem im Wohnzimmer sitzt. Notfälle gehen immer vor, das hat aber mit „real life“ nichts zu tun.

Real Life und WoW

Es gibt einen sehr gravierenden Unterschied zwischen Menschen die vor mir stehen und denen ich virtuell begegne: Die richtigen Menschen erzwingen durch ihre pure Präsenz ein Konfrontation / Aussprache, weil ich sie nun einmal nicht einfach auf die Igno setzen kann.

Als Beispiel kann ich nur einen Spieler / ehemaligen Blogger anführen, der alles aus seinem Leben raus kegelt, der es gewagt hat, der eine andere Meinung zu vertreten. Ich glaube niemanden, der mir sagt, dass er über Jahre mit einer Person zu tun hat und es gab nie Streit. Will man jeden in die Wüste schicken, auf den man kurzfristig einen Brass hat? Für mich ist das schon ein leicht psychopathisches Verhalten, wenn man diese Frage ernsthaft bejaht. Wenn Menschen sich im RL so verhalten würden wie er, läge die Zahl der Ehescheidungen bei 100%, von Mannschaftssport arten ganz zu schweigen – dass man WoW damit durchkommt ist für mich ein klarer Beweis, dass es ein RL und ein VL gibt. Im normalen Leben wäre jeder mit so einer Verhaltensweise auf Nimmerwiedersehen im sozialen Aus gelandet.

An dieser Stelle kann jeder einmal kurz in sich gehen und an eine Situation erinnern, in der man Streit / eine Meinungsverschiedenheit mit einem Kollegen, Freund, Team-Mitglied hatte. Ich denke jeder kennt die Situation, dass man den Betreffen erst einmal ein paar Tage nicht sehen möchte und umgekehrt. Aber wer würde den anderen für den Rest seines Lebens schneiden? Irgendwann spricht man sich aus, meinetwegen schreit man sich an, aber dann ist es auch wieder gut.

Anderes Beispiel:

Ich hatte mal jemanden auf die Igno gesetzt, weil es wohl Streit in einer Ini gab – vielleicht hatte ich einen schlechten Tag, vielleicht er, möglicherweise auch beide. Zufällig war er der Freund von jemanden, mit dem ich damals engeren Kontakt als heute hatte und zwangsweise hatte ich irgendwann auch mit ihm zu tun. Und siehe da, das war ein sehr netter Typ, der mir sogar noch das Braufestmount geschenkt hat. Ich finde es heute noch Jahre später schade, dass er nicht mehr spielt, weil wir uns sehr gut verstanden.
Im RL wäre ich vielleicht nie auf den Gedanken gekommen, dass er ein nerviger Kerl wäre, mit dem ich nie wieder etwas zu tun haben möchte

Solange dieser schwerwiegende Unterschied zwischen virtuellen und dem echten Leben gibt, werde ich für mich auch nicht von dem Begriff *RL* abweichen. Es gibt sicherlich in der Wirkungsweise keinen Unterschied, wenn ich jemanden als *Idiot* betitel, ist der Spieler am Bildschirm genauso beleidigt wie ich es jemanden ins Gesicht sagen – es gehört sich so oder so nicht. Aber der entscheidende Unterschied bleibt trotzdem bestehen.

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