Elfie hat wieder etwas Empörenswertes gefunden. Und zwar die Raben in Sturmheim, welche sie immer wütend ankrächzen. Da sorgt man für Ordnung und das ist der Dank… . Hätte ihr Spatzenhirn einmal den Inhalt dessen aufgenommen, was sie im Seelenschlund kopiert hat, wäre ihr wahrscheinlich einiges klarer.

(Trivia: Tatsächlich werden nur Nachelfen in Sturmheim missbilligend angekrächzt.)

Huginn und Muninn saßen auf einem Ast und blickten auf ihren Meister herab. Der große Vrykul saß entspannt unter ihnen, aß eine besonders reife Pflaume und las eine uralte Schrifttafel. Pitsch, pitsch, pitsch tropfte der Saft auf den Stein als einer zum anderen krächzte.

„Was steht da? Was liest er da?“, fragte Muninn.

Huginn neigte wiederholt den Kopf und beäugte den Runenstein zu ihren Füßen.

„Ich kann nicht lesen!“, empörte sich der Rabe. „Du weißt das. Hör auf, mich zu verhöhnen!“ Frustriert pickte er nach seinem Begleiter.

Muninn entleerte seinen Darm und verfehlte den Vrykul nur um Haaresbreite.

„Er sollte uns etwas bauen. Ein Auge… Krah!“, beharrte Muninn.

Huginn krächzte zustimmend als der Vrykul die beiden Raben ansah, die nur er allein verstehen konnte.

„Wenn Ihr dann endlich still seid, bekommt ihr Euren Wunsch. Ich geben Euch etwas, damit Ihr lesen könnt, was immer ihr wollt“, sprach Havi. „Und jetzt Ruhe.“

Und so verging die Zeit, für die Raben jedoch langsamer, wie für alle anderen Unsterblichen auch. Viele Jahrhunderte lang lasen sie alles, was sie durch ihr kostbares Rabenauge erspähen konnten. Viele Tage verbrachten sie damit, obskure Texte zu entziffern, deren Runensprache seit Äonen niemand mehr verstand. Sie waren glücklich. Zumindest so glücklich, wie die meisten es von Raben annehmen. Denn niemand glaubt, dass Raben wirklich je glücklich sein können, nicht einmal die Raben selbst.

Und eines Tages kam ein Fremder vorbei. Es war ein Elf, einer der neuen Kaldorei – oder Nachtelfen, wie sie von vielen genannt wurden. Die kleinen Völker waren stets lästiger als die Vrykul. Aber dieses Exemplar war irgendwie anders. Und er hielt etwas in der Hand, das süßer duftete als alles, was sie je gerochen hatten.

„Was habt ihr denn da, meine gefiederten Freunde?“, fragte der bärtige Kaldorei.

„Krah!“, lautete die Antwort, denn nur ihr Meister konnte die beiden verstehen. Aber durch die Macht des Rabenauges verstanden sie jedes seiner Worte perfekt. Schon vor langer Zeit hatten sie all die Sprachen der kleinen sterblichen Völker erlernt.

„Wir drei teilen ein gemeinsames Erbe, denn mein Name ist Rabenkrone. Man könnte sagen, wir sind entfernte Verwandte“, erklärte der Nachtelf mit seltsam beruhigender Stimme. „Dürfte ich wohl versuchen, diese Tafel zu lesen? Sie sieht wirklich interessant aus.“ Und mit diesen Worten näherte sich der Elf langsam dem Stein, um einen genaueren blick auf die Runen zu werfen.

Huginn und Muninn waren von dem Aroma fasziniert, das von der Faust dieses mysteriösen Rabenkrone ausging. Sie verrenkten sich fast die Hälse, um einen Blick darauf zu erhaschen. Also gestatteten sie ihm, sich zu nähern.

Wie sollte ein Elf ihnen auch gefährlich werden?

Der Nachtelf runzelte die Stirn. Er starrte auf die Tafel, welche die Raben zuvor gelesen hatten. Es war eine lustige Geschichte über zwei einfältige Geschwister, ein Junge und ein Mädchen, die von einer schlauen Vrykulhexe ausgetrickst und dann verspeist wurden.

„Leider kann ich das nicht lesen. Die uralten Runen der ehrenhaften und stolzen Vrykul sind mir fremd“, gab Rabenkrone zu. Er seufzte laut und ließ die Schultern hängen. „Ich weiß, Raben sind die schlausten Kreaturen von ganz Azeroth, aber wie könnt ihr nur dieses verwirrte Gekritzel lesen?“, fragte er schüchtern.

Muninn, wie immer misstrauisch, starrte den Fremden durchdringen an und warf schnell einen, zwei, vielleicht auch drei Blicke auf die geschlossene Hand des Elfen, um sich zu überzeugen, dass der duftende Schatz noch da war.

Aber bevor der misstrauische Vogel ihn aufhalten konnte, verriet sein vertrauensseliger Bruder ihr Geheimnis. Huginn klopfte dreimal auf ihren Schatz. Aber trotz des harten Rabenschnabels trug das perfekte magische Juwel nicht einen Kratzer davon.

„Oh, wie wundervoll! Soll das heißen, mit diesem Kleinod kann man den Stein lesen?“, fragte der schlaue Elf. Die zwei Vögel starrten ihn an, sie reckten die Hälse und spreizten ihre Klauen.

„Nein, nein, meine Freunde. Das ist ein Missverständnis. Ich möchte mir Euer Juwel lediglich ausleihen. Bitte überlasst es mir kurz, damit ich die Runen lesen kann“, bat der Elf. „danach können wir uns gesittet über die Geschichte unterhalten, die sie erzählen. Im Austausch gebe ich Euch das hier.“

Rabenkrone zeigte endlich, was er die ganze Zeit in der Hand versteckt gehalten hatte. Für die Raben war es womöglich der größte Schatz, den sie je gesehen oder gerochen hatten, gleich nach Havis Juwel.

Vorsichtig legte der Kaldorei die harten Elfensüßigkeiten auf einen Stein in der Nähe. Die Köpfe der Raben pendelten zwischen dem Juwel, dem Elfen und dem Naschwerk hin und her. aber nach kurzer Zeit siegte ihre Natur und sie hüpften zu dem Stein. Die Süßigkeit war köstlich, besser als alles, was sie je gekostet hatten, sogar besser als die Speisen der Götter in den Hallen der Tapferkeit. Sie pickten und knabberten an den süßen Stücken, und es kam ihnen wie eine himmlische Ewigkeit vor.

Als sie fertig waren, blickten sie auf in der Hoffnung, ihr neuer Freund hätte noch ein Stück für sie. Aber der Elf war verschwunden und mit ihm das Rabenauge.

Huginn und Muninn krächzten lauthals vor Empörung und schworen, eines Tages würden sie sich an dem hinterhältigen Elfen und seinem gesamten Volk rächen.

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